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Hinweis: Der nachfolgende Text erschien zunächst auf Infosperber.ch, einer Online-Zeitung aus der Schweiz. Auch Der-Demokratieblog bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum und unterstützt deshalb die Vielfalt alternativer Medien! Die Rechtschreibung dieses Artikels richtet sich nach der schweizerischen Schreibweise.

Covid: «Wir wissen, dass da gefährliche Forschung im Gang war»

Der Leiter einer wichtigen Kommission packt aus. Er fordert eine unabhängige, gründliche Untersuchung.

17. Oktober 2022

von Martina Frei

Woher stammt Sars-CoV-2? Ist das Virus aus dem Tierreich auf den Menschen übergesprungen? Oder wurde es in einem Labor hergestellt? 

Die «The Lancet Covid-19 Commission», eingesetzt von der weltweit bekannten Fachzeitschrift «The Lancet», fand auf diese Frage bisher keine Antwort. Solange nicht mehr Beweise für das Eine oder das Andere vorlägen, müssten beide Hypothesen ernst genommen werden, schrieb die Kommission letzten Monat. 

«Ein Biotech-Patzer»

In verschiedenen Interviews und Artikeln wurde der Leiter der Kommission, der weltweit bekannte US-Professor für Ökonomie Jeffrey D. Sachs, sehr viel deutlicher: An einem Treffen des «GATE Center» in Madrid im Juni sagte Sachs: «Ich bin ziemlich überzeugt, dass es [das Virus] aus der US-Labor-Biotechnologie stammt. […] Aus meiner Sicht ist es ein Biotech-Patzer […] Wir wissen es nicht sicher», betonte er. Aber es lägen inzwischen genügend starke Indizien vor, die eine tiefergehende Untersuchung rechtfertigten. Doch: «Es wird nicht untersucht, weder in den USA noch sonst irgendwo.»

Ähnlich äusserte er sich im Juli gegenüber der «Tehran Times». Er glaube nicht, dass Sars-CoV-2 aus der Biowaffen-Forschung stamme, sondern vermute eher die Medikamenten- und Impfstoffforschung als Ursprungsort. «In jedem Fall müssen wir mehr dazu wissen. […] Die USA haben versucht, China die Schuld zu geben, ohne ihre mögliche eigene Rolle zuzugeben», sagte Sachs damals.

Sachs liegt schon länger im Clinch mit der Lancet-Taskforce, die der Frage nach dem Ursprung des Virus nachging und einen natürlichen Ursprung für plausibler hält. 

Die Lancet-Covid-19-Kommission

Im Juli 2020 setzte die Ärztezeitschrift «The Lancet» eine wissenschaftliche Covid-19 Kommission ein. Geleitet wurde diese Kommission von Jeffrey D. Sachs, einem vielfach ausgezeichneten US-Professor für Ökonomie mit Beziehungen in alle Welt. Sein Lebenslauf umfasst 40 Seiten. Hauptamtlich ist Sachs Direktor des Zentrums für nachhaltige Entwicklung an der US-Universität Columbia. 

Unter seiner Leitung sollten die 28 Kommissionsmitglieder aus verschiedenen wissenschaftlichen Fächern Empfehlungen erarbeiten, wie die Pandemie und ihre Folgen am besten zu bewältigen seien. Zwölf Taskforces zu verschiedenen Themen mit insgesamt 173 Mitgliedern arbeiteten der Kommission zu. Im September 2021 kam es jedoch zu einem Zerwürfnis. Aufgrund dessen löste Sachs die Taskforce auf, welche die Herkunft von Sars-CoV-2 ermitteln sollte. Teil dieser Taskforce war auch die in Genf tätige Virologin Isabella Eckerle.

Seit Monaten fordert Sachs in wissenschaftlichen Foren und Medien eine unabhängige Untersuchung, losgelöst von politischen Interessen. Es könne nicht sein, dass man beispielsweise Anthony Fauci nicht angehen dürfe, weil er «einer von uns» sei, sagt Sachs nun in einem Video-Interview mit «The Grayzone». Damit meint er den politischen Graben zwischen Republikanern und Demokraten in den USA. Fauci wird von den Demokraten gestützt. «Faucis Shop hat uns nicht die Wahrheit gesagt», sagt Sachs, der laut seinem Bekunden die Demokraten wählt. 

Im Mai veröffentlichten Sachs und der Molekularpharmakologe Neil Harrison einen gemeinsamen Beitrag im renommierten Wissenschaftsmagazin «PNAS», in dem sie schwere Bedenken vorbringen. Dort und im erwähnten Video-Interview macht Jeffrey Sachs auf mehrere Punkte aufmerksam, die im Folgenden zusammengefasst sind.

Geheime Telekonferenz 

1. Am 31. Januar 2020 äusserte ein namhafter Virenforscher in den USA gegenüber Anthony Fauci den Verdacht, Sars-CoV-2 könne menschengemacht sein. Daraufhin kam es am Samstagnachmittag des 1. Februar 2020 an der wichtigsten US-Behörde für medizinische Forschung, den US-«National Institutes of Health» (NIH), zu einer dringlichen geheimen Telekonferenz virologischer Experten. Daran waren auch der bekannte deutsche Virologe Christian Drosten und der Direktor des «Wellcome Trust», Jeremy Farrar, beteiligt.

Das Transkript dieser Besprechung wurde nur bekannt, weil die NIH es dank des US-Öffentlichkeitsgesetzes herausgegeben mussten. Laut Sachs habe einer der Teilnehmer damals gesagt, es stehe «80:20», dass dieses Virus aus einem Labor stamme. Ein anderer sagte, er könne sich nicht vorstellen, wie die Natur dieses Virus zustande gebracht haben sollte. Ein weiterer schätzte die Wahrscheinlichkeit, dass es natürlich oder in einem Labor entstanden sei, auf «fifty-fifty».

Drosten schrieb laut der ARD-«Tagesschau» später in einer eidesstattlichen Erklärung: «‹Die Diskussion führte zu dem Ergebnis, dass die These in jedem Fall nicht belegbar sei›», […] die möglichen Begründungen für eine solche Laborherkunft wurden «‹in einem kollegialen Gespräch wissenschaftlich zerpflückt.›»

2. Bloss vier Tage nach der geheimen Telekonferenz hätten die NIH einen Fachartikel begutachtet, in dem stand, das Virus sei «definitiv natürlich» entstanden, so Jeffrey Sachs. «Ich nenne das ‹definitiv seltsam›. Intern sagen sie ‹Labor› – und wenige Tage später sagen sie ‹natürlich›.»
In dieser kurzen Zeit seien keine neuen Erkenntnisse gewonnen worden, die diesen Meinungswechsel aus seiner Sicht erklären könnten. «Man entschied, uns ein Narrativ zu erzählen. So funktioniert die Regierung: Sie kreiert Geschichten. Sie sucht nicht nach der Wahrheit», sagt Sachs, der in den letzten 40 Jahren mit vielen US-Regierungen zusammengearbeitet hat.

In dem von Sachs kritisierten Artikel in «Nature Medicine» stand, es gebe starke Indizien, dass Sars-CoV-2 nicht das Ergebnis absichtlicher Manipulation in einem Labor sei: «Die genetischen Daten zeigen unbestreitbar, dass dieses Virus nicht von irgendeinem bisher [in Laboratorien – Anm. d. Red] verwendeten Virusgerüst abstammt.» Als Beleg für diese zentrale Aussage führen die Autoren einen Fachartikel aus dem Jahr 2014 an.

«Was für ein Witz», kommentiert Sachs diese Quellenangabe. «Wäre dieser Artikel [in «Nature Medicine»] im Mindesten aufrichtig gewesen, dann hätten die Autoren gesagt: ‹Wir wissen es nicht, weil wir die Laborjournale nicht gesehen haben.› […] Aber dies ist kein ehrlicher Artikel. Es war ein konstruiertes Narrativ», urteilt Sachs.

USA und Faucis Institut finanzierten gefährliche Forschung auch in Wuhan

3. Was wirklich passiert sei, wisse man noch heute nicht. «Ausser, dass es eine Menge gefährliche Forschung gab, die durch die US-Regierung finanziert wurde, eingeschlossen das von Anthony Fauci geleitete Nationale Institut für Allergie und Infektionskrankheiten (NIAID).»

4. Anfang des Jahres 2020 glaubte Jeffrey Sachs laut eigenem Bekunden an die Hypothese, das Virus sei natürlich entstanden, «weil die Wissenschaftler das sagten und ich keinen Grund hatte, es in Frage zu stellen. Ich wusste [damals] nichts über die Forschung, die im Gang war.» In seiner «Naivität» habe er einen anerkannten Experten zum Leiter derjenigen Taskforce ernannt, die nach den Ursprüngen des Virus fahnden sollte. «Dann habe ich erfahren, dass er mir in vielen Dingen nicht die Wahrheit sagt. […] Ich wusste, dass da gelogen wurde. Je tiefer ich hineinsah, umso mehr Lügen

Bei dem Experten handelte sich um den Zoologen Peter Daszak, den Leiter der Nonprofitorganisation «EcoHealth Alliance». Die «EcoHealth Alliance» erforscht Infektionskrankheiten, die aus dem Tierreich auf den Menschen überspringen könnten. Sie koordinierte zum Beispiel das Sammeln von Sars-ähnlichen Viren bei chinesischen Fledermäusen, die Analysen dieser Viren – und die Manipulationen daran, insbesondere an der US-Universität von North Carolina.

5. Laut einem Artikel in der «NZZ» überwies das US-Verteidigungsministerium in den letzten Jahren an die 40 Millionen Dollar für die Biowaffenforschung an die «EcoHealthAlliance». Auch im chinesischen Wuhan haben die USA etliche Forschung an den Sars-ähnlichen Coronaviren finanziert. Die Koordination lag wiederum bei der «EcoHealth Alliance».

Forschungsprojekte bleiben geheim

6. Schliesslich forderte Sachs Daszak auf, ihm die Dokumente seiner Forschungsprojekte mit den NIH zu zeigen. Daszak habe dies verweigert, mit dem Hinweis, seine Anwälte hätten ihm davon abgeraten.

Da es Sachs und der «Lancet Covid-19 Commission» um Transparenz ging und Sachs bei fünf der zwölf Taskforce-Mitglieder potenzielle Interessenskonflikte sah, entzog er Daszak die Leitung und löste diese Taskforce auf. Das war im September 2021.

Gegenüber dem Wissenschaftsmagazin «Science» sagte Sachs danach, er habe erst aufgrund gerichtlich erstrittener Dokumente erfahren, dass weitere Mitglieder der Taskforce ebenfalls für die «EcoHealth Alliance» tätig gewesen waren. Sie hätten dies verschwiegen. «Ausgerechnet derjenige, der mich am meisten attackierte, weil ich Daszak entlassen hatte, war ein Co-Forscher von Daszak», sagt er im Video-Interview.

Die Sicht der betroffenen Taskforce

Sachs habe Einsicht in Gesprächsprotokolle verlangt, welche die Taskforce mit verschiedenen Fachleuten geführt hatte. Weil den Interviewten Vertraulichkeit zugesichert worden war, habe man Sachs diese Protokolle nicht ausgehändigt. Die Taskforce sei davon ausgegangen, dass sie unabhängig und ohne Supervision des Sponsors, der «Lancet-Covid-19-Commission», arbeiten könne. Jeder, der mit «EcoHealth Alliance» zu tun gehabt habe, sei für Sachs zur Persona non grata geworden, sagte einer der Wissenschaftler, bei dem Sachs einen Interessenkonflikt vermutete, gegenüber dem Wissenschaftsmagazin «Science». Andere Mitglieder der Taskforce fanden, die Lancet-Kommission habe ihnen Unrecht getan.
Die Gruppe traf sich weiterhin und veröffentlichte vor wenigen Tagen im bekannten Fachblatt «PNAS» ihre Sicht der Dinge: Es sei zwar nicht auszuschliessen, dass Sars-CoV-2 in einem Labor geschaffen wurde, aber diese Hypothese werde inzwischen weit herum für weniger wahrscheinlich gehalten als jene, dass das Virus von Tieren auf den Menschen übergesprungen sei. Diese Sichtweise werde durch eine beträchtliche Anzahl wissenschaftlich begutachteter Fachartikel und sogar durch die US-Geheimdienste gestützt, die dazu eine Stellungnahme veröffentlichten. Auch die Tatsache, dass bis dato allein in China in mehr als 80’000 Tieren erfolglos nach dem Ursprung von Sars-CoV-2 gesucht wurde, schliesse nicht aus, dass das Virus vom Tier auf den Menschen übergesprungen sei. Eine der Autorinnen dieses «PNAS»-Artikels ist die in Genf tätige Virologin Isabella Eckerle. Sie gehörte früher der Forschungsgruppe des deutschen Virologen Christian Drosten an.

7. Der anfängliche Verdacht, dass Sars-CoV-2 in einem Labor entstanden sein könnte, gründete vor allem auf einer sehr kurzen Abfolge von wenigen Eiweissbausteinen im Stacheleiweiss auf der Oberfläche der Sars-CoV-2-Viren. Diese Abfolge – Furin-Spaltstelle genannt – bewirkt, dass das Virus sowohl ansteckender als auch gefährlicher wird. Kein anderes Coronavirus aus der Untergruppe der Sarbecoviren, von denen bereits hunderte entdeckt wurden und zu denen Sars-CoV-2 gehört, besitzt laut Sachs und Harrison diese Abfolge von Eiweissbausteinen. Verschiedene andere Coronaviren hingegen haben sie, was zeigt, dass sie zufällig natürlicherweise entstehen kann.

Genau dieselbe Abfolge von Eiweissbausteinen findet sich auf der Oberfläche von menschlichen Lungen-, Dickdarm- und Nierenzellen. Mit ihrer Hilfe steuern die Körperzellen über winzige Kanäle ihre Flüssigkeitsbilanz – ein lebenswichtiger Mechanismus für die Zellen. Treffen Sars-CoV-2-Viren auf solche Zellen, konkurrieren sie mit ihnen um eine Substanz namens Furin. Weil das Furin mit Sars-CoV-2 «beschäftigt» ist, fehlt es nun den Zellen. Die Folge: Die Zellen können ihre Flüssigkeitsbilanz nicht mehr richtig steuern. Das beeinträchtigt zum Beispiel die Lungenfunktion.

Furin-Spaltstelle Sars-CoV-2 Covid
Ein Teil der Eiweissbausteine für das Stacheleiweiss verschiedener Coronaviren, dargestellt als Liste. Die Eiweissbausteine werden mit Buchstaben abgekürzt. Links sind verschiedene Coronaviren aufgelistet. In der Mitte schwarz umrandet die aus wenigen Bausteinen bestehende Furin-Spaltstelle (abgekürzt FCS), die Sars-CoV-2 so speziell macht. © Harrison, Sachs / PNAS

8. Eines der vom NIH geförderten Forschungsprojekte habe zum Ziel gehabt, Furin-Spaltstellen in Sars-ähnliche Viren einzusetzen, um diese gefährlicher zu machen. Warum, das wisse er nicht mit Sicherheit, sagt Sachs. Ein möglicher Grund sei die Herstellung von Impfstoffen gegen gefährliche Sars-ähnliche Viren. Oder ein potenzieller Nutzen solcher Viren als Biowaffen. Wie das alles zusammenhing und was da genau gemacht wurde, legten die beteiligten Institutionen bislang nicht offen. «Aber was wir wissen ist, dass da gefährliche Forschung im Gange war.»

Auf Seite 10 eines Dokuments stehe, man habe mehr als 180 [Corona-]Virenstämme, über die bisher nicht berichtet wurde. Auf Seite 11 stehe, die Forscher wollten in diesen Viren nach den Spaltstellen suchen – und falls diese nicht darin vorkämen, wolle man sie einfügen, berichtet Sachs. Dass die Lancet Covid-19-Kommission davon erfahren habe, sei nur einem Whistleblower «innerhalb der US-Regierung» zu verdanken. «Gesagt hat man uns das nicht», so Sachs. «Das ist keine Wissenschaft. […] Es braucht eine Untersuchung.»

9. Im Jahr 2018 hatte ein Team der «EcoHealth Alliance», der Universität von North Carolina und des Instituts für Virologie in Wuhan einen Antrag auf Forschungsförderung bei der Forschungsstelle des US-Verteidungsministeriums (DARPA) gestellt. Das Ziel ihres Vorhabens: Die Wissenschaftler wollten Furin-Spaltstellen in Sars-ähnliche Viren einbauen. Sie hatten das schon früher bei Sars- und anderen Coronaviren geschafft. Zudem besassen sie bereits viel Erfahrung darin, Sars-ähnliche Viren zu konstruieren.

Ausserdem hatten die am dem Vorhaben beteiligten Wissenschaftler der Universität von North Carolina die winzigen Kanäle auf der Oberfläche menschlicher Zellen studiert, welche die Abfolge von Eiweissbausteinen enthalten, die später dann auch bei Sars-CoV-2 gefunden wurde. Angesichts dieser früheren Experimente läge es für ein Forscherteam auf der Hand, genau die Furinspaltstelle in ein Virus einzubauen, wenn man das pandemische Potenzial von Sars-verwandten Coronaviren ausloten möchte, schreiben Sachs und Harrison in den «PNAS». Das sei in einem Labor auch nicht schwierig zu bewerkstelligen.

Das DARPA lehnte den Antrag auf Forschungsförderung jedoch ab. Ob die Wissenschaftler ihr Projekt dennoch verfolgten und von anderswo Geld dafür erhielten, ist eine der offenen Fragen. Dass die Furinspaltstelle bei Sars-CoV-2 vorkomme, könne natürlich auch ein Zufall sein – allerdings einer mit «sehr kleiner Wahrscheinlichkeit», finden Sachs und Harrison. Mit Sorge erwähnen sie, dass zwischenzeitlich bereits «Zwitterviren» aus Sars und Sars-CoV-2 im Labor gezüchtet worden seien.

10. «Wir wissen nicht genau, wo dieses Virus herkam. Aber es gibt da viele seltsame Dinge und viel schlechtes Verhalten der NIH», fährt Sachs im Video fort. Die Geschichte, wonach das Virus von dem chinesischen Markt stamme, enthalte derart viele «Löcher, Fehler und Lücken», dass sie alles andere als definitiv sei. Der auf dem Gebiet sehr erfahrene Leiter der US-Gesundheitsbehörde «Centers for Disease Control» beispielsweise habe intern geäussert, dass das Coronavirus wirklich aus einem Labor stammen könnte. Fauci habe ihn deshalb aus dem gesamten Prozess «komplett ausgeschlossen».

Welche der beiden tragfähigen Hypothesen nun zutreffe, sei unter anderem deshalb offen, weil die Regierung und «Faucis Shop» nicht die Wahrheit gesagt hätten, was sie taten und welche Risiken bestanden. «Es geht hier nicht um Wissenschaft, sondern um Transparenz und darum herauszufinden, was bei den NIH wirklich läuft.»

«Zeigt uns nicht weisse Seiten»

11. Das NIH könnte mehr zur Klärung beitragen, habe bisher diesbezüglich aber versagt, urteilen Sachs und Harrison. Stattdessen bewarb die NIH-Leitung früh und aktiv die Hypothese, wonach Sars-CoV-2 von Tieren stamme. Sie entfernte detaillierte Informationen über die Viren aus einer Datenbank und weigerte sich auch, wichtige Belege wie Forschungsanträge und Projektberichte herauszugeben. Sie redigierte Dokumente, die sie – per Gerichtsbeschluss – herausrücken musste. In einem solchen Dokument – es handelte sich um eine Übersicht der NIH-Forschung zu diesen Viren – waren 290 Seiten weiss. 

So lässt sich nicht überprüfen, ob die Behauptung von «EcoHealth Alliance», NIH und weiterer Institutionen stimmt, dass sie an keinerlei Experimenten beteiligt waren, die zur Pandemie geführt haben könnten. «Wenn ihr unser Vertrauen wollt, dann zeigt uns das Dokument und nicht weisse Seiten», fordert Sachs und betont einmal mehr, dass eine unabhängige Untersuchung nötig sei.

12. Vieles von dem, was bisher bekannt ist, sei nur Gerichtsverfahren und Whistleblowern zu verdanken. Relevant wären aber Laborbücher, Virusdatenbanken, E-Mails, biologische Proben, eine Übersicht aller vom NIH geförderten Forschungsvorhaben zu Sars-ähnlichen Viren – auch in Zusammenarbeit mit den Instituten in Wuhan –  und anderes mehr.

13. Am Ende des Interviews wird Sachs gefragt, ob an den Gerüchten, die USA hätten in der Ukraine angeblich Biowaffen-Forschungslabore unterhalten, etwas dran sei. Er kenne die Antwort nicht, antwortet Sachs. Was er jedoch sicher wisse: Dass bei diesen Schlüsselthemen keine Transparenz herrsche. Er vermisse investigative Journalisten, wie jene, die früher nicht glaubten, was US-Präsidenten wie Johnson oder Nixon über Vietnam sagten, und die damit richtig lagen.

«Weiterhin werden viele gefährliche biologische Manipulationen an krankmachenden Erregern betrieben», sagte Jeffrey Sachs Anfang Juli der «Tehran Times». «Diese Art von Forschung muss publik gemacht und sauber reguliert werden.»

Ursprungsort: «Eindeutig» der Markt in Wuhan?

Was Jeffrey Sachs nicht erwähnt, ist eine Stellungnahme von 27 Virologinnen und Virologen, die am 19. Februar 2020 online in «The Lancet» stand. Zu den Autoren zählen Christian Drosten, Jeremy Farrar, Peter Daszak (der Leiter der Taskforce, die nach dem Ursprung des Virus fahndete) und fünf Mitglieder dieser zwölfköpfigen Taskforce.

«Wir stehen gemeinsam dafür ein [im Original: «we stand together»], Verschwörungstheorien, die behaupten, dass Covid-19 keinen natürlichen Ursprung habe, scharf zu verurteilen.» Wissenschaftler aus vielen Ländern seien mit «überwältigender Mehrheit» zum Schluss gekommen, dass dieses Coronavirus von Wildtieren stamme, schrieben die 27 Unterzeichner schon kurz nach dem Beginn der Pandemie.

«Erstaunlich vollmundig»

«Damals die Laborthese […] einfach vom Tisch zu wischen, war erstaunlich vollmundig. Das konnte man schlicht noch nicht wissen», befand die ARD-«Tagesschau» rückblickend im März 2022 und berichtete im gleichen Atemzug von Studien, welche die Hypothese vom natürlichen Ursprung des Virus stützen würden: «Eine davon, eine grosse US-amerikanische Studie, hat jeden verfügbaren frühen Corona-Fall im chinesischen Wuhan in eine Stadtkarte übertragen. Die Autoren […] kommen zu dem Schluss, dass der Wildtiermarkt in Wuhan ‹eindeutig› der Ursprungsort der Pandemie sei.» Finanziell unterstützt wurden die Studienautoren unter anderem von den NIH und vom Wellcome Trust.

Sars-CoV-2-Viren schon vor Wuhan im Umlauf

Bloss: Italienische Ärzte berichteten im Fachblatt «Tumori», dass sie bei nachträglichen Analysen von eingelagerten Blutproben bereits im September und Oktober 2019 bei 50 Personen Antikörper gegen Sars-CoV-2 fanden – also mehrere Monate bevor in Wuhan die Erkrankungsfälle bekannt wurden. Diese Angaben wurden zunächst bezweifelt, darum ein zweites Mal von anderen Wissenschaftlern überprüft – und wiederum bestätigt.

Auch Ärzte in Frankreich fanden Hinweise, dass Sars-CoV-2 bereits im Oktober und November 2019 vereinzelt bei Patienten zu Erkrankungen geführt hatte. Sie berichteten im «European Journal of Epidemiology» davon.

Ein 2019 infizierter Weisswedelhirsch – oder ein falsches Testergebnis

Andere Wissenschaftler fahndeten in mehreren Hundert Blutproben von wildlebenden Weisswedelhirschen in den USA nach dem Coronavirus. Dabei entdeckten sie auch in einer Blutprobe aus dem Jahr 2019 Antikörper gegen Sars-CoV-2. Das Tier hatte also – falls der Antikörpertest stimmt – wohl schon 2019 (oder früher) eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus durchgemacht. 

Einer der Autoren der Studie, der zufolge «eindeutig» der Wildtiermarkt in Wuhan der Ausgangspunkt der Pandemie war, ist just jener Virusexperte, der am 31. Januar 2020 gegenüber Anthony Fauci den Verdacht äusserte, das Virus könnte menschengemacht sein, weil es «auf den ersten Blick» ungewöhnlich aussehe. «USA Today» berichtete, er habe sich zwei oder drei Wochen Zeit nehmen wollen, um das Virus-Erbgut genauer zu untersuchen, kam dann aber bereits am 4. Februar 2020 zum Schluss, dass die Daten schlüssig zeigen würden, dass dieses Virus nicht fabriziert worden sei.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

Dr. Martina Frei

hat in Freiburg und München Medizin studiert. Acht Jahre lang arbeitete sie als Ärztin in Deutschland und der Schweiz. Später wechselte Frei auf die Ringier-Journalistenschule und arbeitet derzeit als Wissenschafts-Journalistin. Martina Frei ist die Autorin der Bücher „Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen: Unglaubliche Fallgeschichten aus der Medizin“ sowie „Die Frau mit den 48 1/2 Krankheiten: Neue unglaubliche Fallgeschichten aus der Medizin“.

 

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