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Die Welt steht Kopf und wir schauen zu

Das Leben in einer Welt ohne Limit – Kommentar einer Aufgebrachten

05.08.2018

von Kerstin Forster

Während ich hier an meinem Schreibtisch sitze, überlege ich, wie viel CO2 ich in meiner Zeit am Computer freisetze und mir erscheint jegliches Unterfangen sinnlos. Während „nur“ 8% des weltweiten Strombedarfs momentan auf das Internet entfallen, soll der Anteil bis 2030, also in bereits zwölf Jahren, bedrohliche 50% betragen. Egal wohin ich also als Mensch meinen digitalen Fuß setze, ich bin eine konsumierende Kreatur mit zahllosen Bedürfnissen, die nur verbraucht und dabei nichts Gutes schafft.

Wir verzeichnen in den letzten 30 Jahren eine enorme Zunahme des privaten Strombedarfs. Selbst Kühlschränke, Waschmaschinen und Staubsauger mit geringerem Energieverbrauch werden daran nicht viel ändern, solange wir selbst unser Verhalten nicht ändern. Unsere Gier ist grenzenlos und sobald irgendwo ein künstliches Bedürfnis kreiert wird, werden wir uns darauf stürzen und nicht ruhen, ehe es erfüllt ist.

Artensterben und die Zerstörung ganzer Ökosysteme

Bereits vor gut 20 Jahren entwarfen die zwei Atmosphärenforscher Paul Crutzen und Eugene Stoermer den Begriff Anthropozän als Vorschlag für ein neues geochronologisches Erdzeitalter in der die Menschheit (griech. ánthropos, deutsch ‚Mensch‘) zum bedeutendsten Einflussfaktor für die biologischen, geologischen und atmosphärischen Vorgänge auf der Erde geworden ist. Die Rede ist vom Artensterben und der Artenwanderung, der Zerstörung ganzer Ökosysteme, der Produktion von Treibhausgasen, der Übersäuerung der Ozeane, der Luftverschmutzung – und in der Gesamtheit deren bleibende Auswirkungen auf überlebende und zukünftige Generationen.

Wir Menschen sind also die Ursache einschneidender Veränderungen des Lebens auf der Erde: Nie zuvor vollzog sich ein Wandel dermaßen schnell und „nur“ einer Spezies geschuldet. Hans Joachim Schellnhuber, Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, beschreibt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 15. Mai 2018, wie „der Mensch (…) den Planeten wie eine riesige geologische Kraft“ verändert „und die Erwärmung der Erdoberfläche sich (…) rasanter als je zuvor in der Geschichte unserer Zivilisation“ vollzieht. „Wir beamen uns gerade in eine Heißzeit“.

Bei der derzeitigen lang anhaltenden Hitzewelle und Dürre in Europa, Kalifornien und Japan und den damit verbundenen Waldbränden und vielen Todesopfern, wird das leider sehr plastisch spürbar. In Deutschland erleben wir im Moment die schlimmste Dürre seit 50 Jahren. Flüsse wie die Wupper trocknen aus, der Rhein und die Niederelbe führen zu wenig Wasser, viele Fische sterben und die extreme Bodentrockenheit führt vor allem im Norden und Osten Deutschlands zu Ernteausfällen von bis zu 70%. Aber ja, die Klimaerwärmung ist vermutlich ein Fake, ein Phänomen natürlicher Klimaschwankungen, und solche Hitzewellen gab es schon immer, werden wir beruhigt.

Klimawandel und Migration

Wenden wir uns dann doch lieber der unsäglichen Migrationsdebatte zu und beobachten die Parteien dabei, wie sie wegen der anstehenden Landtagswahlen am rechten Rand nach Wählerstimmen fischen gehen. Wo wir gerade beim Thema Migration sind: Dass die Folgen der Klimaerwärmung die Hauptursache von Migration sind und bereits heute mehrere hundert Millionen Menschen – vorwiegend in Asien und Afrika –  wegen Dürre, Überschwemmungen, Seuchen, Hunger und Krieg auf der Flucht sind und es sich in der Hauptsache um Binnenmigrationsbewegungen handelt, also nicht um Menschen, die in überfüllte Schlauchboote steigen, um den gelobten Kontinent Europa übers Mittelmeer zu erreichen, gerät oft in Vergessenheit.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace erklärt in ihrer Studie zu Klimawandel, Migration und Vertreibung aus dem Jahr 2017: „Der Klimawandel erhöht die Stärke und Häufigkeit von Wetterextremen und trägt zur Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen bei, die bereits durch viele Formen des Raubbaus an der Natur belastet sind. Dazu zählen zum Beispiel zunehmende Hitze und Dürre oder der Anstieg des Meeresspiegels, durch den ganze Küstenstreifen überflutet sowie Boden und Grundwasser versalzen werden. Der Klimawandel ist auch ein Treiber für die fortschreitende Urbanisierung, die ihrerseits zusätzliche Risiken birgt und häufig ohnehin vulnerable Menschen und Gemeinschaften weiter schwächt“.

Achselzucken und Lethargie

So verharren wir weiter in Lethargie und Agonie, in einer Art qualvollem, bewusstseinsgestörtem und auswegslosem Zustand. Wir wenden uns achselzuckend ab und schenken uns lieber noch ein Glas Rosé ein – bei diesen Temperaturen gerne noch mit ein, zwei Eiswürfeln darin; und beruhigen unser ohnehin kaum vorhandenes schlechtes Gewissen damit, dass wir ab und zu im Bioladen einkaufen, öfter mal mit dem Rad anstatt dem Auto fahren und im Ferienflieger mit dem guten Gefühl sitzen, im Zielland etwas für das Auskommen der dort heimischen Bevölkerung zu tun. Schließlich arbeiten wir hier viel und ohne zu murren, da wird doch mal ein bisschen Erholung erlaubt sein. Schellnhuber konstatiert, es herrsche eine merkwürdige Gelassenheit: „Wir steuern im Irrsinnstempo auf eine unbeherrschbare globale Situation zu, die Risiken erhöhen sich quasi stündlich, aber viele Medien berichten nur noch mit gequälter Beiläufigkeit darüber“.

Kognitive Dissonanz

Erklärt wird diese im wahrsten Sinn des Wortes todesverachtende Ignoranz durch das sozialpsychologische Phänomen der kognitiven Dissonanz. Diese Theorie von Leon Festinger besagt, dass wir dazu tendieren, nach Informationen zu suchen,  die in uns in einen Zustand kognitiver Konsistenz – also innerer Ruhe und Übereinstimmung – versetzen, um zu vermeiden, dass widersprechende Informationen – also Unvereinbarkeiten – eine innere Anspannung in uns hervorrufen. Das heißt zum Beispiel, wir verlassen uns auf unsere Politiker, die Klimaschutzabkommen aushandeln und unterzeichnen, denn die werden ja besser wissen, was zu tun ist und uns dies dann in Form von Gesetzen schon mitteilen.

Schlupflöcher und Gier

Gleichzeitig wissen wir aber ganz genau, dass es überall Schlupflöcher für die Industrie gibt, diese Gesetze zu umgehen und dass die EU-Grenzwerte für Stickstoffdioxide in der Luft in vielen Großstädten Deutschlands fast täglich überschritten werden – zum Beispiel in Stuttgart und München an einem Viertel aller Tage im Jahr. Effiziente Maßnahmen zur Begrenzung der Stickstoffdioxide werden verschlafen, Hamburgs Dieselfahrverbote auf zwei Straßenabschnitten wirken im Vergleich zu den mit Schweröl betriebenen Tankern lächerlich und beim Genuss eines Apfels müssen wir uns fragen, ob nun die darin enthaltene Menge an Vitamin C und Mineralstoffen die Menge an Glyphosat & Co. in ihrem Nutzen für uns überhaupt noch überwiegt.

Alles, was beim Klimaschutz angedacht und aufgebaut wurde, droht durch unsere Gier – vor allem aber auch durch die Gier der global agierenden Großkonzerne – vernichtet zu werden. Der Klimawandel gilt nach wie vor als „linkes“ Thema, das gerne von alarmierenden Spaßverderbern und angeblich gesellschaftlich Abgehängten, sprich Konsum-Unlustigen aufgegriffen und  in weiten Teilen der Bevölkerung belächelt wird, einfach weil es mancherorts noch nicht spürbar genug ist, da der kurz getrimmte Rasen und die Rosenstauden im Vorgarten noch prächtig gedeihen. Wer die Bilder der Feuerinfernos in Griechenland und Kalifornien in den vergangenen Wochen unberührt betrachten konnte, mag sich bestätigt fühlen. Mich macht es betroffen – so betroffen, dass ich nach einem tiefen Atemzug am liebsten lauthals schreiend auf die Straße laufen würde.

Artikel 20 a Grundgesetz

Und in der Politik herrscht klimapolitischer Stillstand. Was ist eigentlich mit Artikel 20 a des Grundgesetzes? Zur Erinnerung: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung“.

Das klingt wunderbar. Das Wort Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Nur an deren Umsetzung mangelt es. Und wird es irgendwo in Deutschland mal beherzt gefordert, folgt sofort das Totschlagargument „Arbeitsplätze“.  Deutschland scheint so tief mit der Autoindustrie verwurzelt zu sein, dass eine Abkehr vom Verbrennungsmotor und eine vollständige Umstellung auf erneuerbare Energien illusionär erscheinen. Dabei könnten sinnvolle Investitionen in diesem Bereich dabei helfen, die ehemalige Vorreiterrolle Deutschlands als Land der Erfinder und damit auch unsere Arbeitsplätze zu erhalten. Wenn wir allerdings weiterhin so kopflos und verantwortungslos mit den Lebensgrundlagen auf unserem Planeten umgehen, dann werden wir langfristig auch keine Arbeitsplätze mehr benötigen. 

Was tun?

Was können wir also tun? Wir können nur bei uns selbst anfangen. Dort, wo es für jeden von uns unangenehm wird. Wir müssen raus aus der Komfortzone. Mein Appell: Lasst uns unsere grenzenlose Gier bezähmen und zurückhaltender werden, z.B. wenigstens einen Tag in der Woche den Konsum verweigern: keine Medien, kein Internet , kein Auto nutzen – soweit es der Job zulässt – und keine neuen Klamotten oder sonstigen Firlefanz kaufen. Lasst uns diesen einen Tag so wenig wie möglich essen und das Wenige wertschätzen lernen, lasst uns miteinander reden, uns gegenseitig wachrütteln und die Politiker dazu bewegen, einen Konsens zu finden, der etwas bewirkt, so lange wir den Karren noch nicht ganz an die Wand gefahren haben.

Wie viele Klimaschutzgipfel braucht es noch?

Über wie viele Klimaschutzgipfel und -abkommen habe ich schon gejubelt und Hoffnungen daran geknüpft. Meine konkrete Erinnerung beginnt mit dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992, in dem erstmals das Recht auf nachhaltige Entwicklung verankert wurde. Bereits 1995 in Berlin ging es um die Reduzierung von Treibgasemissionen. Deutschland ging damals mutig voran, man wollte bis 2005 die Emissionen um 25% unter das Niveau von 1990 senken. Und Angela Merkel als Bundesumweltministerin unter Helmut Kohl betrachtete vor allem Atomkraftwerke als geeigneten Beitrag zum Umweltschutz. Dass sie damit eher die Ziele des Bundeswirtschaftsministeriums unterstützte, war Kritikern damals schon klar.

Und genau in dieser Lethargie verharren wir noch heute, auch wenn Frau Merkel 2011 nach dem GAU von Fukushima den überraschende Ausstieg aus der Atomenergie und die Umstellung auf erneuerbare Energien bis 2050 verkündete. Auf Rio folgten das Kyoto-Protokoll, Mailand, Bali, Kopenhagen, Doha, Lima und schließlich 2015 in Paris die 21. Konferenz der Parteien (COP). Das Ergebnis von Paris: Man will mit nationalen Klimaplänen die globale Erderwärmung auf 1,5 bis maximal 2 Grad begrenzen. Das klingt ja gut und schön, aber hat man nicht bereits 1995 darüber gesprochen? Und was ist in der Zwischenzeit passiert? Mir persönlich erscheint übrigens der rund eine Grad Erderwärmung, den wir bereits jetzt haben, schon bedrohlich genug. Wenn ich dann aber höre, dass die G7-Staaten, also die USA, das Vereinigte Königreich, Frankreich, Japan, Italien, Kanada und Deutschland fossile Energien unverändert mit 100 Milliarden (!!) Dollar im Jahr subventionieren, verschlägt es sogar mir die Sprache. Deutschland hat seine eigenen, bis 2020 gesteckten Klimaziele verfehlt. Und die ursprüngliche Vorbildrolle unseres Landes in Sachen Energiewende ist dahin, denn es spricht sich herum, dass es nur bei Ankündigungen blieb.

Und nicht vergessen: Im Herbst finden Landtagswahlen in Bayern und Hessen statt. Im Mai 2019 wählen wir dann das Parlament der Europäischen Union. Macht Euer Kreuz doch bei den kleinen, vielleicht noch nicht von Lobbyisten geplagten und unter dem Diktat der Großkonzerne stehenden Parteien, die wirklich noch etwas bewirken wollen und nicht nur um Ämter und Positionen buhlen. Jeder von uns mag alleine vielleicht übersehbar und unerheblich wirken, aber gemeinsam sind wir stark!

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